Tantra und die dunklen Aspekte des Menschen

Als die Redaktion dieses Magazins bei mir anfragte, ob ich einen Artikel für dieses Special schreiben wolle, waren die Worte sehr typisch: Man hätte gehört, ich sei die Spezialistin für „dunkles Tantra“. Tatsache ist, dass ich mich in meiner Arbeit sehr ausführlich mit den Schattenaspekten der Psyche auseinandersetze.

Aber ich praktiziere „Rotes Tantra“. Das heißt, es findet während der Rituale tatsächlich genitale Sexualität statt – im Unterschied zum „Weißen Tantra“, in dem man die Vereinigung energetisch durch die Praxis der Mudras (Gesten der Hand) und Mantras (heilige Laute) zelebriert. Es gab, vor allem im alten Tibet, tatsächlich auch das „Schwarze Tantra“, das als schwarzmagisch zu verstehen ist. Schwarzmagisch bedeutet, dass diese Form den Zielen des Ego, vor allem der Macht, dient und nicht den egotranszendierenden Kräften der Liebe und der mystischen Erfahrung der Liebe wie das rote und das weiße Tantra. Aber hierzulande, in der Tantra – Seminarszene, kann man diesen „schwarzen“ Aspekt getrost vergessen, er kommt faktisch nicht vor. Shiva sei Dank.

Vielmehr befinden wir uns hier offensichtlich in einem Stadium, in dem Tantra immer häufiger als reine “Liebesschule“ verstanden wird. Dem Teilnehmer wird geholfen, den Genuss zu vermehren, es sich schön zu machen, sexuelle Raffinesse zu lernen oder gar nicht mehr „grobsexuell“ zu werden, sich nur noch energetisch auszutauschen, das heißt feinstofflich. Ob diese Art von Feinstofflichkeit auch wirklich energetisch, das heißt energiegeladen ist, wage ich in manchen Fällen zu bezweifeln.

Tantra ist aber, wie andere spirituelle Pfade auch, ein Weg, der zur Erleuchtung führt. Konfrontiert uns doch schon eine ganz normale Liebe mit den Grenzen des Egos, so doch erst recht die angestrebte mystische Erfahrung der Einheit. Diese Erfahrung wird sehr häufig auch als innere Lichterfahrung definiert.

Wie sollte es möglich sein, tatsächlich in solche innere Dimensionen vorzustoßen ohne Konfrontation mit den Hindernissen in der Psyche, die uns alle begrenzen?

An erster Stelle stehen Traumata aus der Kindheit, die bei sexuell repressiver Erziehung oder gar Missbrauch, Prügeln und extremer Vernachlässigung sehr viele Blockaden hinterlassen: niedriges Selbstwertgefühl, Angst, Einsamkeit, Unfähigkeit zu vertrauen, Orgasmus – Schwierigkeiten, Potenzschwierigkeiten, Essstörungen, Depressionen, Beziehungsflucht, Beziehungssucht – Unfreiheit  und innere Abhängigkeiten auf jeder nur denkbaren Ebene. Dazu kommen noch die Todesangst, Angst vor Vergänglichkeit, starre Denkkonzepte, übertriebenes Sicherheitsbedürfnis – alles Hindernisse vor dem großen Loslassen in Körper und Seele. Ohne dieses Loslassen ist keine Ekstase und auch die Erleuchtung nicht möglich.

In meinen Augen ist ein Tantra, daß diese Blockaden der Lebensenergie nicht konfrontiert,  kein spiritueller Weg, sondern nur eine Art Freizeitgestaltung.

Ich zitiere im Folgenden Ajit Mokerjee, den indischen Autor, Geschichtswissenschaftler und Sammler tantrischer Objekte, der sehr fundierte Bücher über Tantra geschrieben hat. Ich hatte die Ehre, ihn persönlich 1987 auf Lanzarote bei der „Liebe – Eros – Sexus“ – Konferenz kennen zu lernen und ein großes Ritual mit vielen anderen Helfern und ihm vorzubereiten. Inzwischen ist er verstorben. Die Zitate sind aus dem Buch “The Tantric Way“, 1977.

„Die Annahme, dass das spirituelle Leben ein sanfter, fließender ununterbrochener Strom ist, wird von den Tatsachen Lügen gestraft. Perioden von Sturm und Stress und angsterfüllter Spannung werden in Ritualen kreiert, um Konflikte zu reduzieren und den Schüler an den Punkt zu führen, an dem er über das Karussell der selbstzerstörerischen Ego – Spielchen hinaus wachsen kann und lernt,  die Widersprüche und Polaritäten seiner eigenen  Persönlichkeit zu akzeptieren.“

….und das Herz des Aspiranten selbst wird zur Verbrennungsstätte, Stolz und Selbstsucht, Status und Rolle, Name und Ruhm werden alle zu Asche verbrannt.

Die Anerkennung der zornigen Aspekte des Lebens bringt Schock – Effekte in verschiedenen Geraden hervor. Die hängen von der individuellen Befindlichkeit und Stärke des Schülers ab, bevor innere Ruhe und Gelassenheit etabliert werden können.

„….diese Konfrontationen helfen, die Unterscheidung zwischen Objekten der Attraktion und der Abwehr zu überschreiten und zu erkennen, dass alle Extreme, die Widersprüche des Individuums mit all seinen bewussten und unterbewussten Aspekten, die positiven und negativen Aspekte der Existenz eine unteilbare Einheit bilden.“

Um es kurz zu fassen: wie soll das Bewußtsein die Dualität hinter sich lassen ohne Konfrontation mit ihr? Im Tantra heißt es, direkt durch die Themen zu gehen, nicht außen herum. Das heißt, man berührt Extreme. Läuft dabei immer wieder über das Zentrum, um irgendwann da endgültig anzukommen – jenseits der Wunsch – oder Angstprojektionen.

Tantra, zumindest das linkshändige (d.h. mit körperlicher Vereinigung) ist meiner Meinung nach relativ einfach zu definieren: die Kunst, das sexuelle Feuer zu wecken, zu kanalisieren und ins Ziel zu führen. Wecken heißt: das Feuer darf nicht erstickt sein  oder von Ängsten umgeben; kanalisieren heißt: die Erregung halten und kontrollieren, damit die psychosexuellen Kräfte auch tatsächlich in andere Dimensionen durchbrechen, ins Ziel führen heißt: in spirituelle Erfahrungszustände, letztendlich in die Erleuchtung.

Nehmen wir doch einfach nur den ersten Schritt: das sexuelle Feuer wecken! Ein linkshändiger Tantriker kann ohne eine normale, störungsfreie Sexualität nicht in der Praxis weiter kommen. Wenn man  Tantra ohne die Ausübung der genitalen Sexualität  praktiziert, kann man sich um diesen Punkt drücken, man muss nicht körperlich Farbe bekennen, ob die Vereinigung überhaupt vollziehbar ist.

An diesem Punkt habe ich in der Praxis meiner Seminare bereits mehr als genug zu tun. Sehr viele Männer und Frauen haben sexuelle Störungen, von leicht bis sehr schwerwiegend.

Bei den Männern ist die häufigste Störung die Ejaculatio praecox, der vorschnelle Samenerguss. Oder die Erektionsschwierigkeit. Das ist meistens auf eine sexuell repressive Erziehung zurück zu führen, deren Konsequenzen zu Beginn meistens unterschätzt werden. Selbst bei Menschen, deren Sexualität vordergründig nicht funktionell gestört ist, ist dieser Aspekt doch immer noch mit vielen Schuldgefühlen besetzt, was in den Ritualen, in denen die Sexualität einen sakralen Charakter bekommt, durchaus  nicht ohne Folgen ist.

Bei Frauen ist die häufigste Störung die Schwierigkeit, überhaupt einen Orgasmus zu bekommen.

Die Ursachen sind die gleichen wie bei den Männern.

Also landen wir immer wieder in der Kindheit. 2000 Jahre einer sexuell repressiven Religion plus ein Weltkrieg und der Faschismus mit all seiner Gewalt, auch sexueller Gewalt, haben tiefe Spuren in Seelen und Körpern der Menschen hinterlassen. Und einen versteckten, verdeckten Schaden, über den die Medien wenig schreiben. Unsere Eltern Und Großeltern bekamen nach den ungeheuren Erlebnissen  der Bombennächte, Kriegschauplätze, Kriegsgefangenenlager, Folterungen und Vergewaltigungen  keine Therapie, sondern sie setzten einen Backstein auf den anderen für den Wiederaufbau. Ihre eigenen, ins Unterbewußtsein abgedrängten, agressiven Spannungen bekam immer das schwächste Glied in der  Familie ab. das Kind!

Was ich geade beschreibe, betrifft mein eigenes Leben als auch das Leben vieler Klienten. Die Opfer von damals wurden oft zu Tätern in der eigene Familie.

Die Sexualität und auch die Liebesfähigkeit ist sowohl kollektiv als auch individuell so sehr verletzt, daß meiner Meinung nach eine authentische Tantra – Praxis ohne  Therapie dieser  psychischen Wunden, die sich unsichtbar, aber sehr wohl fühlbar,  auswirken,  nicht möglich ist.

Die Häufigkeit reell stattgefundenen Inzests treibt mir immer wieder Tränen in die Augen, Traurigkeit ins Herz und vermittelt mir die Notwendigkeit, da anzusetzen und nicht beim himmelsstürmenden kosmischen Orgasmus, wenn ein ganz normaler noch nie erlebt wurde.

Die Generation der Großeltern kommt dabei leider häufig nicht gerade gut weg. Manche Großmutter

oder Mutter wurde von Russen vergewaltigt, die Folgen tragen die Kinder und Enkel. An dieser Stelle ist auch bemerkenswert, dass es mehr missbrauchte Männer gibt, als man gemeinhin annimmt. Im Allgemeinen geht man  von geschädigten Frauen aus, aber nicht oder wenig von Männern, die ein solches Erlebnis hatten.

Da gibt es noch die Tatsache der Prügelstrafe  in der Generation der heute 40 – 50 jährigen, die von Alexander Lowen, dem großen alten Mann der Bioenergetik, bei entsprechender Heftigkeit und Häufigkeit auch als sexueller Missbrauch definiert wird.: weil die entsprechenden Körperregionen, meistens das Gesäß, voll ist mit chronischen Muskelspannungen, die  eine normal fließende Sexualität blockieren.

Auch extreme emotionale Vernachlässigung  kommt häufiger vor als angenommen.

All diese Tatsachen: sexuelle Unterdrückung, Erfahrung von Gewalt und  Lieblosigkeit schufen die verdrängten Kindheitstraumata meiner Klienten. Das sind ihre Schattenpunkte. Das sind ihre Depressionen, Trauer und Wut, ihre Dämonen, die ihr Ur -Vertrauen zerstört haben.

Ohne Vertrauen kein Fallenlassen, ohne Fallenlassen gibt es  keinen  Orgasmus, keine Liebe, keine Ekstase, seliges Selbstvergessen, Hingabe.

Ich kann schwer verstehen, wie man eine fundierte tantrische Arbeit machen will, ohne sich dieser  seelischen Verletzungen anzunehmen. Diese Verletzungen sind die Ursache für alte Ängste, die tief im Körper sitzen. Die kann man mit effektiver Bioenergetik freisetzen. Mit anderen durchaus modernen Methoden wie Rebirthing, holotropes Atmen oder Encounter kann man therapeutisch  daran arbeiten, die blockierte Energie ins Fließen zu bringen. Auch habe ich einige Strukturen selbst kreiert, die sehr effektiv den Schatten, das heißt, verdrängte Inhalte, bewusst machen und damit veränderbar.

Der  komplexe Schatten repräsentiert aber nicht nur verdrängte Reaktionen, sondern auch später entwickelte Widerstände, die zur Abwehr der schmerzbesetzten  Gefühle entwickelt wurden.

Wobei es dem tantrischen Verständnis nach nicht darum geht, sogenannte negative Gefühle nie mehr zu haben, sondern sie im Idealfall tatsächlich zu transformieren.

Mit der Arbeit am Herzchakra ist es am ehesten möglich,  Schritt für Schritt den Ballast der Vergangenheit abzuwerfen. Im Tantra sagt man: die Anhaftung an die persönliche Geschichte hinter sich lassen, um frei zu werden von Angst, Ekel, Scham  und Furcht.

Das heißt, die Lebensenergie in ihrer Fülle sich anzueignen, die Ureinheit von Atmung, Bewegung und Stimme  wieder herzustellen., sich die ganze mögliche Lebendigkeit zu eigen zu machen, derer der Körper fähig ist, die ganze Liebe zu leben, nach der das Herz begehrt,  sich der Vergänglichkeit zu stellen,  um damit die große Freiheit von innerer Abhängigkeit  zu erlangen, letztendlich in die Stille einzutreten, jenseits aller Worte, die Kundalini zu wecken. Ein lustbetontes Leben zu leben – eine Lust, die keineswegs „nur“ sexuell ist, sondern auch alle Lebensbereiche umfasst mit all ihrem Sinnenreichtum, ohne im Äußeren zu versinken, die sich dem Reichtum des Inneren zuwendet.

Die diesen Reichtum wieder ins Äußere zurück transportiert als Liebe, als Geduld, als Kreativität, als Mut, als Kraft, die Einheit von Gedanke, Wille und Tat herzustellen. Und natürlich die Rückerinnerung an unseren göttlichen Ursprung als Erkenntnis im eigenen Wesen  als Tatsache zu verankern. Dafür sind die tantrischen Rituale  Tür und Tor.

Noch einmal bemühe ich die Stimmen anderer, um meine Ansicht zu untermauern.

Edward C. Whitmont in  „The Symbolic Quest“ über die Bedeutung der Konfrontation mit dem eigenen Schatten im Werk von C.G.Jung:“..Erst, wenn wir uns selbst sehen, wie wir wirklich sind, anstatt uns zu sehen, wie wir es uns wünschen  zu sein oder hoffnungsvoll annehmen zu sein, können wir den ersten Schritt tun in Richtung einer individuellen Realität.“

Mokerjee  selber über tantrische Praxis: „Ohne die drastische Erfahrung der Desintegration, bedeutet keine Suche nach Integration irgend etwas.“ Osho über die Liebe:“ohne Agonie keine Ekstase..“

Was der Desintegration bedarf, ist das ganze System der charakterbedingten Widerstände.

Charakter ist hier im Sinne von Wilhelm Reich gemeint. Als Summe aller gesammelten Widerstände in Körper und Geist gegen den Strom des Lebens, den Orgasmus –Reflex,  gegen die Liebe, die vielleicht damals versagt wurde aber heute möglich ist. Manchmal starren wir auf die Liebe und die Lust wie das Kaninchen auf die Schlange – aus Gewohnheit, nicht mehr aus Notwendigkeit.

Die Verhärtungen der Seele brauchen einen „Waschgang“, um bloßgelegt zu werden. Die alten Tantriker haben auch kein Ritual praktiziert ohne Reinigungsübungen vorher.

Ich nehme  oft die Metapher, dass die in der Kindheit erworbenen Verhaltensmuster der Abwehr sind wie ein Strampelanzug, den der Erwachsene nicht mehr braucht, weil die alten Bedingungen ja auch nicht mehr existieren.  Raus aus dem seelischen Strampelanzug, rein in das tantrische Ritualgewand!!

Zu viel Angst vor den eigenen Abgründen  schneidet uns die Höhe der ekstatischen Erfahrung ab.

Ohne Tiefe keine Höhe. Ohne ganz lebendig zu sein, wie will ich erleuchtet werden durch die Lebensenergie selbst?  Wie will ich Bewußtsein erlangen über mich selbst, meine Seelenlandschaft, wenn ich etwas ausblenden will, was mich selbst betrifft? Ohne Durst nach Wahrheit über mich selbst, wie will ich in der Wahrheit sein?

Während der letzten Jahre stelle ich ein wachsendes Konsumbewußtsein fest, ein schwindendes Potential der Auseinandersetzung mit sich selbst. Im Seminar wird vermehrt freigestellt, ob die Teilnehmer morgens meditieren wollen: Das wäre Anfang der Achtziger undenkbar gewesen.

Vermehrt wird Tantra eine oft eine Lifestyle –Angelegenheit, eine Art Seelenkosmetik. Manchmal begegnet mir diese Haltung von Outsidern, die sich wundern, dass ich diesen Weg ernst nehme, sehr ernst. Tantra hat teilweise einen schlechten Ruf: den der Seichtheit, der Nähe zum Rotlicht, aber nicht mehr den Ruf eines ernsthaften spirituellen Weges. Das ist sehr schade. Ich frage mich, was die tantrischen Götter dazu meinen?

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